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Rekordtief bei der Organspende erreicht

OrganspendeNoch nie gab es seit Erfassung der Organspender in Deutschland so wenige Spender wie letztes Jahr. 2013 wurde erstmals mit 876 Spendern die Marke von 1000 Spendern pro Jahr unterschritten und mit einem Rückgang um 16,3 Prozent ein Rekordtief bei der Organspende erreicht. Auch 18 Monate nach den Transplantationsskandalen an vier deutschen Transplantationszentren konnte das Organspendesystem kein Vertrauen zurück gewinnen.

Ausgelöst wurde der Transplantationsskandal durch Ärzte, die Daten manipuliert haben, um „ihren“ Patienten kranker zu machen und damit auf der Warteliste nach oben zu pushen.

Haben die transplantationsrechtlichen Vorgaben hierfür womöglich gar die Voraussetzungen geschaffen, die einen ehrgeizigen, übermotivierten, ggf. auch monetär beeinflussbaren Arzt zu solch Handeln motivieren?

Zwei im deutschen Organspendesystem verankerte Prinzipien schaffen Anreize, möglichst kranke Patienten zu haben und möglichst viele Patienten zu transplantieren.

Zum einen sieht das deutsche Allokationssystem die Verteilung der Organe nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht vor, wobei durch die Richtlinien der Bundesärztekammer eine klare Priorisierung der Dringlichkeit erfolgt. Dieses sog. „sickest-first-Prinzip“ unterscheidet Deutschland von anderen Ländern mit deutlich höheren Transplantationszahlen und besseren Transplantationsergebnissen. Die USA beispielsweise, eine Land das seine Organspendezahlen in den letzten 10 Jahren um 25 Prozent steigern konnte, priorisieren zwar zunächst auch nach einem High Urgent Status, gewichten danach aber klar nach der Erfolgsaussicht vor der Dringlichkeit.

Häufig sind bei der Organspende die Kriterien Erfolgsaussicht und Dringlichkeit nämlich gegenläufig, denn je schlechter es einem Patienten bereits zum Zeitpunkt der Transplantation geht, desto schlechter sein outcome und seine langfristige Überlebenswahrscheinlichkeit.

Das führt letztlich dazu, dass bereits sehr kranke Patienten deutlich weniger von einer Organspende und Transplantation profitieren, während andere erst eine lange Wartezeit überstehen müssen um dann in ebenfalls deutlich schlechterem Ausgangszustand transplantiert zu werden.

Der zweite Anreiz ist die Veröffentlichung von Transplantationszahlen pro Zentrum, ohne jedoch einen Vergleich der Überlebensstatistik dieses Zentrums zu ermöglichen. Deutsche Transplantationszentren stehen klar im Wettbewerb zueinander. Aber ist ein Zentrum mit hohen Zahlen auch erfolgreicher? Nein, auch hier sind die Zahlen oft gegenläufig. Ein Zentrum, dass hohe Transplantationszahlen vorzuweisen hat, verfügt sicher über viel Erfahrung, transplantiert jedoch möglicherweise auch mehr sog. marginale Organe von bereits kranken oder alten Spendern mit der Folge eines schlechten outcome für den Patienten. Erst die Anzahl der Transplantationen zusammen mit den Überlebensstatistiken der Empfänger würde die Kompetenz eines Zentrums unterstreichen.

Über die Implementierung eines Transplantationsregisters, das genau diese Zahlen erfassen würde und ein wichtiges Qualitäts- und Kontrollinstrument wäre, ist in der Vergangenheit viel geredet worden.

Erstaunlich, die erforderlichen Daten sind laut DSO durch die Zusammenführung ihrer Spenderdaten und der Empfängerdaten von Eurotransplant bereits verfügbar, aber so schnell schießen die Preußen nicht. Mehr als ein Jahr nach den Transplantationsskandalen hat das Bundesministerium für Gesundheit erst mal das Institut für Qualität und Patientensicherheit (BQS) mit einer Machbarkeitsstudie hierzu beauftragt. Vor 2015 ist mit dem Transplantationsregister nicht zu rechnen, so Rainer Hess, Hauptamtlicher Vorstand für Restrukturierung der DSO.

Eine neue Diskussion über Verteilungsgerechtigkeit in der Organspende ist bereits in der Plenarsitzung des Deutschen Ethikrates vom 26. September 2013 angestoßen worden. Jetzt ist jedoch beherztes und zügiges Handeln der Akteure gefragt! Auf der Reform des Transplantationsgesetzes von 2012 können wir uns jedenfalls nicht ausruhen, das machen diese Zahlen deutlich.

 

Christine Stenner

Autor: Christine Stenner

Rechtsanwältin Christine Stenner ist Fachanwältin für Sozialrecht und Medizinrecht. Sie ist seit 1996 in Deutschland als Rechtsanwältin zugelassen und hat als Spezialistin im deutschen und europäischen Gesundheitsrecht gearbeitet. Sie ist nun unsere Kooperationspartnerin in den USA, wo sie international tätige pharmazeutische Unternehmer und Medizinproduktehersteller in Fragen des deutschen Arzneimittelzulassungsrechts und bei Fragen zu Kostenerstattungen im deutschen Gesundheitswesen berät. --- Christine Stenner is a board certified healthcare lawyer. She has a German bar admission since 1996 and has worked as attorney at law specialized in health legislation of Germany and the European Union. Now she is our cooperative partner in the United States of America, where she counsels medicinal products and medical devices companies in all questions of German drug approval and market authorization law and statutory health insurance law in Germany.

1 Kommentar

  1. Das ist sehr schade. In Deutschland brauchen so viele Kinder und Erwachsene dringend Organe, dass sich ein jeder erneut überlegne sollte, ob er alles mitnehmen muss und möchte. Wir haben viele Tourenfahrer, die sich 2014 umentscheiden werden. Vielleicht knacken wir gemeinsam die 1000er Hürde in diesem Jahr. Danke für den tollen Beitrag!

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